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Tim Kaufmann
Microsoft verpasst Anschluss bei Handys, E-Readern und Tablet-PCs
Dick Brass, ein ehemaliger Microsoft-Boss packt aus. Er beschreibt, warum Microsoft bei aktuellen Produkten wie E-Readern und Smartphones den Anschluss verpasst. Und warum es schwer wird, das schlingernde Riesenschiff umzusteuern.
Dick Brass hat einige Jahre lang Microsoft TabletPC-Sparte geleitet. Mit einem gestern veröffentlichten Artikel in der New York Times sorgt er jetzt für Furore.
"Microsoft bringt kein Bein mehr auf den Boden"
So schreibt er: "Alle Welt bewundert Apples iPad und fragt sich, wie Amazon darauf reagieren wird. Doch die viel wichtigere Frage ist doch, warum Microsoft, Amerikas bekanntestes und profitabelstes Technologieunternehmen, kein Bein mehr auf den Boden bringt, ob das nun Tablets wie das iPad sind, E-Book-Reader wie der Kindle, Smartphones wie BlackBerry und iPhone, Suchmaschinen wie Google, digitale Musik via iPod und iTunes oder populäre Dienste a la Facebook und Twitter?"
Problem 1: Abteilungen blockieren sich gegenseitig
Zwar erwirtschaftet Microsoft noch immer Rekorderlöse. Doch stammen diese überwiegend aus dem jahrzehntealten Geschäft mit Windows und Office. Der Softwareriese hat es laut Brass nicht geschafft, neue Produkte in klingende Münze zu verwandeln. Schlimmer noch: Die hellsten Köpfe verlassen das Unternehmen, weil Microsoft nicht mehr als cooler Arbeitsplatz gelte.
Brass führt das auf ein wenig innovatives Unternehmensklima zurück, in dem neue Entwicklungen noch dazu torpediert würden. Große Abteilungen wie die Office-Gruppe würden kreative kleine Teams blockieren wo sie nur könnten. Es sei kein Zufall, dass alle Führungskräfte der Zukunftssparten Musik, E-Books, Smartphones , Online, Suchmaschinen und Tablets Microsoft in den letzten Jahren verlassen haben.
Beispiel 1: ClearType
Als Beispiel dafür führt er die in seiner Abteilung entwickelte ClearType-Technologie an, die die Lesbarkeit von Schriften am Display erleichtert. Diese habe Microsoft einen großen Wettbewerbsvortei gesichert.
Doch "andere Abteilungen fühlten sich durch unseren Erfolg bedroht und behaupteten beispielsweise, dass die Anzeige durch ClearType verschlechtert würde, wenn bestimmte Farben verwendet würden", so schreibt Brass.
Der Leiter der Mobilgeräte-Sparte sei noch einen Schritt weiter gegangen: Er würde ClearType auf seinen Geräten einsetzen, aber nur unter der Voraussetzung dass Brass' Abteilung ihm die Software sowie deren Programmierer überlasse. So vergingen zehn Jahre, bis ClearType es schließlich in vollem Funktionsumfang in die freie Wildbahn schaffte.
Beispiel 2: Tablet-PCs
Die Entwicklung des Tablet-PCs wurde Brass zufolge vom Leiter der Office-Sparte behindert, der lediglich Tastatur und Maus als vollwertige Eingabegeräte anerkannt habe.
Mit dem Stift als neuem Werkzeuge habe der Office-Chef hingegen nichts anfangen können und deshalb entsprechend optimierte Office-Funktionen verweigert. Letztlich sei diese Sabotage mitschuldig daran, dass sich die mehreren hundert Millionen Dollar Entwicklungskosten des Tablet-PCs nicht auszahlten.
Dass Microsofts Tablet-PC-Gruppe in der letzten Konsequenz aufgelöst wurde erachtet Brass als besonders bitter, auch weil sich Geräte wie der Kindle und das iPad zu diesem Zeitpunkt schon abzeichneten.
Problem 2: Keine kombinierte Hard- und Softwareentwicklung
Als zweites Problem macht Brass aus, dass Microsoft sich kaum an die Entwicklung eigener Hardware wagt. Dafür gibt es laut Brass verschiedene Gründe:
1) Hardware ist ein deutlich riskanteres Geschäft als Software.
2) Der Antitrust-Prozess in den 90er Jahren hat die Ausdehnung der Aktivitäten auf neue Geschäftsfelder blockiert.
3) Dort wo man es versucht hat war das Timing unglücklich, beim WebTV zu früh, beim iPod-Konkurrent Zune zu spät.
Gut möglich dass Brass hier neidisch auf Apple schielt. Die Kalifornier feiern ihre großen Erfolge derzeit ausschließlich mit Geräten, deren Hard- und Software selbstentwickelt wurde und haben sich kürzlich sogar eine eigene Chip-Entwicklung geleistet.
Brass' Fazit: Goldene Vergangenheit, unsichere Zukunft
Brass kommt zu einem für Microsoft wenig erfreulichen Fazit. Der Softwareriese habe eine wahrhaft beeindruckende Vergangenheit und eine beneidenswert ertragreiche Gegenwart. Doch wenn der kreative Funkenflug weiterhin ausbleibe, dann sei es fraglich ob Microsoft auch eine Zukunft habe.
zm_timkaufmann
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