Bild vergrößern
937
886
http://img2.magnus.de/Scotty-Nguyen-r937x886-C-5eaa9ed8-9075066.jpg
Der Schlüssel zum Turnier
Scotty Nguyen
Viele meiner Fans sagen mir, dass sie meine Metaphern sehr mögen. "Du hast immer eine Geschichte parat, die zu deinem Spiel passt", sagen sie mir. Manche Leute lernen am besten mit Metaphern, so wie meine Kinder etwa, bei denen das ganz gut funktioniert.
Vor Kurzem fragte mich ein junger Spieler nach meiner Lieblingsmetapher. Nun ja – die hat direkt zu tun mit einer Interviewfrage, die ich immer und immer wieder höre: "Glaubst du, dass du noch einmal den WSOP Main Event gewinnen kannst?".
Meine Antwort ist immer dieselbe: "Ein möglicher Turniergewinn ist wie eine große, persönliche Schatzkiste. Sie ist direkt vor mir und ich habe den Schlüssel dazu. Jetzt muss ich nur noch den Schlüssel einstecken und umdrehen." Jeder Spieler hat den Schlüssel, ein Turnier zu gewinnen. Er muss nur zusehen, dass er passt.
Diese Metapher ist für mich eine, mit der alle Spieler arbeiten können, wenn sie ihr Spiel verbessern möchten. Ich spiele jetzt über zwanzig Jahre Poker. Und jedes Mal beginne ich ein Turnier wieder ganz von Neuem. Ich bin ständig auf der Jagd. Einer der Hauptgründe, warum ich immer dabei bin, ist der, dass ich diesen metaphorischen Schlüssel niemals in meiner Hosentasche herumtrage und damit immer wieder versuche, die gleichen Schatzkisten zu öffnen.
Wenn der Schlüssel in einem Turnier nicht passt, dann gehe ich nach Hause und überlege mir genau, was schiefgelaufen ist. Welche Fehler habe ich gemacht? Wie schaffe ich es, dass der Schlüssel das nächste Mal passt? Poker ist wesentlich mehr, als nur die ausgeteilten Karten zu spielen. Es ist sogar mehr, als die Karten des Gegners zu spielen. Es geht vielmehr darum, mehr gute Entscheidungen zu treffen als der Rest der Gegner.
Auf Turniere bezogen heißt das: Am Ende gewinnt der Spieler, der weniger Fehler als irgendwer sonst macht. Diese Entscheidungen können strategischer Natur sein, sie können auch psychologischer Natur sein. Manchmal passt der Schlüssel nicht, weil die Strategie schlecht ist. Manchmal deswegen, weil du in einer entscheidenden Phase tilt gegangen bist und das Spiel aus der Kontrolle verloren hast.
Diese beiden Situationen waren oft schuld, wenn ich bei Turnieren rausgeflogen bin. Das zu erkennen, gibt mir die Möglichkeit, zu analysieren, besser zu werden und mein Spiel zu verbessern.
Vor Kurzem spielte ich ein WPT-Turnier. Und dort traf ich eine schlechte Entscheidung: Ich las eine Situation falsch und verschenkte meine Chips bei einem Big Pot, der in diesem Moment spielentscheidend war. Die Blinds waren bei $8,000-$16,000, das Ante war $2,000. Ich raiste under the gun auf $70,000 und ein Spieler in mittlerer Position callte. Der Flop kam mit Qc-10d-3s und ich checkte. Der Spieler bettete mit $100,000 und ich callte.
Am Turn kam 8s. Ich checkte wieder und mein Gegner ging mit $250,000 rein. Ich entschloss mich, ihn auf $650.000 zu check-raisen. Daraufhin ging der Spieler All-in mit ein wenig mehr als $ 1.000.000. Ich callte mit Kh-Js für einen open-ended straight draw. Der Spieler zeigte mir 10c-10h für einen Drilling. Keine Hilfe auf dem River und ich hatte die Hälfte meiner Chips verloren.
Der Fehler, den ich gemacht hatte, war der, den Stack meines Gegners am Turn nicht zu beachten. Ich ging davon aus, dass er den Pot stehlen wollte mit nichts auf der Hand. Ich hatte die Situation falsch gelesen und meinen Verbleib im Turnier mit einem Checkraise gefährdet, der mich zwang, sein All-in zu callen. Mir blieben nur noch $600,000 nach dieser Hand.
Bei 18 verbliebenen Spielen war das short-stack. Nach diesem strategischen Fehler wäre es nur natürlich gewesen, den Schlüssel wieder in die Tasche zu stecken. Ohne Nachbearbeitung und mit dem Risiko, einen psychologischen Fehler zu machen, der sich auch auf die Zukunft auswirken würde. In der Vergangenheit führte so etwas bei mir oft dazu, dass ich komplett die Kontrolle verlor und dann ausschied.
Aber mittlerweile besinne ich mich – ich arbeite an dem Schlüssel, um ihn passend zu machen. Ich spielte geduldig als Short-Stack und erreichte den Final Table als Zweiter im Chipcount.
Seit 20 Jahren spiele ich Poker. Während dieser ganzen Zeit lerne ich dazu. Der Moment, wenn du glaubst, den Schlüssel zum Spiel gefunden zu haben, ist der Moment, ab dem du nie wieder ein Finale erreichen oder einen großen Preis gewinnen wirst. Man muss herausfinden, was man richtig macht und es in diesen metaphorischen Schlüssel eingravieren.
Und man muss herausfinden, was man falsch macht und es wegfeilen. Wenn man an diesem Schlüssel arbeitet, dann nimmt man das Geld mit nach Hause. Und gleich am nächsten Tag, wenn man wach wird, muss man diesen Schlüssel weiter bearbeiten für das nächste Turnier. Dann – und nur dann, wird man zum kompletten Pokerspieler.